die Gedichte Leseecke

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Die Welt steht auf mit euch

Jetzt wär es Zeit, daß Götter träten aus
bewohnten Dingen...
Und daß sie jede Wand in meinem Haus
umschlügen. Neue Seite. Nur der Wind,
den solches Blatt im Wenden würfe, reichte hin,
die Luft, wie eine Scholle, umzuschaufeln:
ein neues Atemfeld. Oh Götter, Götter!
Ihr oftgekommenen, Schläfer in den Dingen,
die heiter aufstehn, die sich an den Brunnen,
die wir vermuten, Hals und Antlitz waschen
und die ihr Ausgeruhtsein leicht hinzutun
zu dem, was voll scheint, unserm vollen Leben.
Noch einmal sei es euer Morgen, Götter.
Wir wiederholen. Ihr allein seid Ursprung.
Die Welt steht auf mit euch, und Anfang glänzt
an allen Bruchstellen unseres Mißlingens....

R.M.Rilke

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Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,

Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,

Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,

Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,

Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl

Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler

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....
'me jogo pro alto
me quebro toda
fico em pedaços 
cato meus cacos
colo os retalhos
vou pelo atalho
me vejo de novo
num novo sonho
sonho com o vôo
voo de novo
voo bem alto
aprendi a cair 
dessa vez nao
me estraçalho
caio de braço 
caio no abraço 
e me colo 
no seu colo'

 

...deanderbrenz

Denise an der Brenz

 

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Ein Frühlingswind

Mit diesem Wind kommt Schicksal; laß, o laß
es kommen, all das Drängende und Blinde,
vor dem wir glühen werden -: alles das.
Sei still und rühr dich nicht, daß es uns finde.
O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
über das Meer her was wir sind.

.... Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.
Aber mit diesem Wind geht immer wieder
das Schicksal riesig über uns hinaus

R. M. Rilke

 

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Und so ist unser erstes Schweigen

Und so ist unser erstes Schweigen:
Wir schenken uns dem Wind zu eigen,
Und zitternd werden wir zu Zweigen
und horchen in den Mai hinein. 
Und dann, ein Schatten auf den Wegen,

wir lauschen, -und es rauscht ein Regen
Ihm wächst die ganze Welt entgegen. 
Um Seiner Gnade nah zu sein.

R. M. Rilke

 

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Am Tag der Lotusblüte

Am Tag der Lotusblüte, ach,

irrte mein Geist umher, und ich erkannt’ es nicht.

Mein Korb blieb leer,

die Blume unbeachtet.

 

Nur dann und wann befiel mich Traurigkeit,

ich schreckte auf aus meinem Traum

und spürte einen süßen, eignen Duft

im Südwind wehn.

 

Noch ungewiss war diese Süße,

doch machte sie mein Herz vor Sehnsucht schwer;

es kam mir vor,

als wäre es des Sommers ungeduld’ger Atem,

der nach Erfüllung sucht.

 

Ich wusste damals nicht, wie nah er war,

dass mein er war,

dass die vollkommne Süße mir

erblüht in meines Herzens Tiefe.

R. Tagore

 

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Die Rose

Als sich die Rose erhob,

die Bürde ihres Blühens und Duftens

zu tragen mit Lust:

hat sie,

daß es der letzte sein würde

von ihren Tagen,

noch nicht gewußt.

Nur, daß sie glühender

noch werden müßte,

reiner und seliger hingegeben

dem Licht, spürte sie.

Doch daß zum Tode sich rüste

so freudiges Leben,

bedachte sie nicht.

Als dann, am Abend,

mit Mühe der Stengel

ihre hingeatmete Süße noch trug,

hauchte sie,

fallend dem wartenden Engel

welk vor die Füße:

"War es genug?"

Eugen Roth

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De tudo ficaram três coisas
A certeza de que estamos começando

A certeza de que é preciso continuar
A certeza de que podemos ser interrompidos
antes de terminar


Façamos da interrupção um caminho novo
Da queda, um passo de dança
Do medo, uma escada
Do sonho, uma ponte
Da procura, um encontro!

Fernando Sabino

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Sinnende Dinge

Vor lauter Lauschen

und Staunen, sei still

du mein tief tiefes Leben.

Dass du weißt,

was der Wind dir will,

eh noch die Birken beben.

Und wenn dir einmal

das schweigen sprach,

lass deine Sinne besiegen.

Jedem Hauche gib hin dich,

gib nach.

Er wird dich lieben und wiegen.

Und dann, meine Seele

sei weit, sei weit.

Dass dir das Leben gelinge.

Breite dich wie ein Feierkleid,

über die sinnenden Dinge.

R. M. Rilke

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Urworte. Orphisch - die 5 Stanzen

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ΔΑΙΜΩΝ, Dämon

Wie an dem Tag,
der dich der Welt verlieh'n
die Sonne stand,
zum Gruße der Planeten,
bist alsobald und fort und fort gediehen,
nach dem Gesetz ,
wonach du angetreten.

So musst du sein.
Dir kannst du nicht entfliehen.
So sagten schon Sibyllen und Propheten.
Denn keine Zeit und keine  Macht der Welt zerstückelt,
geprägte Form,
die lebend sich entwickelt.

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ΤΥΧΗ, Das Zufällige

Die strenge Grenze doch umgeht gefällig
Ein Wandelndes, das mit und um uns wandelt;
Nicht einsam bleibst du, bildest dich gesellig
Und handelst wohl so, wie ein andrer handelt:
Im Leben ist’s bald hin-, bald widerfällig,
Es ist ein Tand und wird so durchgetandelt.
Schon hat sich still der Jahre Kreis geründet,
Die Lampe harrt der Flamme, die entzündet.


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ΕΡΩΣ, Liebe

Die bleibt nicht aus! – Er stürzt vom Himmel nieder,
Wohin er sich aus alter Öde schwang,
Er schwebt heran auf luftigem Gefieder
Um Stirn und Brust den Frühlingstag entlang,
Scheint jetzt zu fliehn, vom Fliehen kehrt er wieder,
Da wird ein Wohl im Weh, so süß und bang.
Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen,
Doch widmet sich das edelste dem Einen.


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ΑΝΑΓΚΗ, Nötigung

Da ist’s denn wieder, wie die Sterne wollten:
Bedingung und Gesetz; und aller Wille
Ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten,
Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille;
Das Liebste wird vom Herzen weggescholten,
Dem harten Muß bequemt sich Will und Grille.
So sind wir scheinfrei denn, nach manchen Jahren
Nur enger dran, als wir am Anfang waren.


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ΕΛΠΙΣ, Hoffnung

Doch solcher Grenze, solcher eh’rnen Mauer
Höchst widerwärt’ge Pforte wird entriegelt,
Sie stehe nur mit alter Felsendauer!
Ein Wesen regt sich leicht und ungezügelt:
Aus Wolkendecke, Nebel, Regenschauer
Erhebt sie uns, mit ihr, durch sie beflügelt;
Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt durch alle Zonen;
Ein Flügelschlag – und hinter uns Äonen.

Johann Wolfgang von Goethe
 

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Jetzt gehn die Lüfte manchesmal als trügen
sie unsichtbar ein Schweres welches schwankt.
Wir aber müssen uns mit dem begnügen
was sichtbar ist. ____ So sehr es uns verlangt

hinauszugreifen über Tag und Dasein
in jenes Wehen voller Wiederkehr.
Wie kann ein Fernes so unendlich nah sein
und doch nicht näher kommen? ____Nicht bis her?

Das war schon einmal so. ____Nur damals war
es nicht ein zögerndes im Wind gelöstes
Vorfrühlingsglück. ____ Vielleicht kann Allergrößtes
nicht näher bei uns sein, so wächst das Jahr.

So wächst die Seele, wenn die Jahreszeit
der Seele steigt. ____ Das alles sind nicht wir.
Von Fernem hingerissen sind wir hier
und auferzogen und zerstört von weit.

R. M. Rilke

 

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Die Weihe der Nacht

 

Nächtliche Stille!
Heilige Fülle,
Wie von göttlichem Segen schwer,
Säuselt aus ewiger Ferne daher.
Was da lebte,
Was aus engem Kreise
Auf ins Weitste strebte,
Sanft und leise
Sank es in sich selbst zurück
Und quillt auf in unbewußtem Glück.
Und von allen Sternen nieder
Strömt ein wunderbarer Segen,
Daß die müden Kräfte wieder
Sich in neuer Frische regen,
Und aus seinen Finsternissen
Tritt der Herr, so weit er kann,
Und die Fäden, die zerrissen,
Knüpft er alle wieder an.

Friedrich Hebel

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