Die Gedichte-Ecke

Die Weihe der Nacht

Nächtliche Stille!
Heilige Fülle,
Wie von göttlichem Segen schwer,
Säuselt aus ewiger Ferne daher.
Was da lebte,
Was aus engem Kreise
Auf ins Weitste strebte,
Sanft und leise
Sank es in sich selbst zurück
Und quillt auf in unbewußtem Glück.
Und von allen Sternen nieder
Strömt ein wunderbarer Segen,
Daß die müden Kräfte wieder
Sich in neuer Frische regen,
Und aus seinen Finsternissen
Tritt der Herr, so weit er kann,
Und die Fäden, die zerrissen,
Knüpft er alle wieder an.

Friedrich Hebel

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Die Rose

Als sich die Rose erhob,

die Bürde ihres Blühens und Duftens

zu tragen mit Lust:

hat sie,

daß es der letzte sein würde

von ihren Tagen,

noch nicht gewußt.

Nur, daß sie glühender

noch werden müßte,

reiner und seliger hingegeben

dem Licht, spürte sie.

Doch daß zum Tode sich rüste

so freudiges Leben,

bedachte sie nicht.

Als dann, am Abend,

mit Mühe der Stengel

ihre hingeatmete Süße noch trug,

hauchte sie,

fallend dem wartenden Engel

welk vor die Füße:

"War es genug?"

Eugen Roth

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Sinnende Dinge

Vor lauter Lauschen

und Staunen, sei still

du mein tief tiefes Leben.

Dass du weißt,

was der Wind dir will,

eh noch die Birken beben.

Und wenn dir einmal

das schweigen sprach,

lass deine Sinne besiegen.

Jedem Hauche gib hin dich,

gib nach.

Er wird dich lieben und wiegen.

Und dann, meine Seele

sei weit, sei weit.

Dass dir das Leben gelinge.

Breite dich wie ein Feierkleid,

über die sinnenden Dinge.

R. M. Rilke

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Wie an dem Tag,
der dich der Welt verlieh'n
die Sonne stand,
zum Gruße der Planeten,
bist alsobald und fort und fort gediehen,
nach dem Gesetz ,
wonach du angetreten.

So musst du sein.
Dir kannst du nicht entfliehen.
So sagten schon Sibyllen und Propheten.
Denn keine Zeit und keine  Macht der Welt zerstückelt,
geprägte Form,
die lebend sich entwickelt.

RJohann Wolfgang von Goethe
 

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